Lebenslänglich Gillamoos – Leidenschaft für Vereine, Zahlen und Königinnen

Als die Autorin dieses Textes vor ziemlich genau acht Jahren erstmals bei Hans Leidl im Arbeitszimmer saß, erzählte er ihr lachend: „Ich schaue jeden Morgen in der Zeitung zuerst einmal die Todesanzeigen durch. Und wenn ich nicht dabei bin, dann gfrei i mi!“ Darauf haben wir erst mal eine geraucht, was der passio­nierte Raucher auf seiner am Tisch liegenden Stricherlliste umgehend verzeichnete. Er bestand vehement darauf, dass er eben schon viel weni­ger rauche, seit er diese Liste führe. Erst dann konnte die Arbeitsbespre­chung losgehen. Das Thema und der Anlass des Treffens war wie immer nur eins: Der Gillamoos.

Wer hat heuer beim Holzsägen ein Ju­biläum? Solche kleinen und großen Traditionen waren sein Steckenpferd. „Langen´s a mal schnell hin, Regal links, dritte Reihe, fünfter Ordner von rechts!“ Unverzüglich klappte er diesen an der richtigen Stelle auf und forderte: „Schreiben Sie mit?“ Schon zählte er auf, welcher Verein heuer zum 10., 20., 30. oder gar zum 40. Mal beim Holz­schneiden dabei war, die Ehrungen waren ihm sehr wichtig. Genau wie das jeweils aktuelle Krugmotiv. Alles, was ihm wichtig war, musste in die Gilla-moos-Pressemappe. Ganz exakt nach seinen Vorgaben, schließlich hatte er seinen eigenen Kopf. Zwischendrin läu­tete dauernd das Telefon, alle Anfragen drehten sich ebenso rund um den Gillamoos. Wenige Wochen vor dem un­bestrittenen Höhepunkt des hiesigen Festkalenders, wie sollte es da auch anders sein: Sein Büro war das Epizentrum, mehr Anrufe verzeichneten wahrscheinlich weder die Marktmeis­ter noch die Festwirte im Vorfeld des Gillamoos. Ein bisschen mag dies dar­an gelegen haben, dass das Festnetztelefon neben persönlichem Kontakt und postalischem Schriftverkehr das präferierte Medium seiner Wahl war. So wollten sich die einen noch zum Holzsägewettbewerb anmelden, die nächsten feilschten um Biermarkerl für organisatorische Leistungen und wie­der andere waren unzufrieden mit ihrer Position im Auszug und deshalb etwas auf Krawall gebürstet. Er nahm alles mit Humor, blieb bei all dem Trubel freund­lich aber bestimmt. Hans Leidl war der Grandseigneur unseres Jahrmarktes, er prägte den Gillamoos in seiner heuti­gen Ausgestaltung über Jahrzehnte. Für die Organisation des Rahmenpro­gramms zeichnete er verantwortlich. Noch bis in die 1980er Jahre fuhr der sogenannte Dirndlköniginnen-Macher mit den Heilmeiers von Dorf zu Dorf, um Kandidatinnen für die Dirndlköniginnen-Wahl persönlich zu rekrutieren. Lange schon sammelte er für die Kinder des Cabrini Zentrums Fahrchips bei den Schaustellern ein. In seiner gefühlt ewi­gen Amtszeit mauserte sich der Auszug von – laut damals erschienenen Zei­tungsberichten – einer traurigen und beschämenden Veranstaltung Ende der 60er Jahre zu einem der größten Festumzüge Bayerns.

Ein ganzes Leben für den Gillamoos: Der Holzsägewettbewerb, der Auszug, die Dirndlköniginnen-Wahl und natür­lich der Gillamoosmaßkrug wollten or­ganisiert und abgesprochen werden. Sein Arbeitszimmer bis oben hin voller Ordner mit Unterlagen. Akribisch doku­mentierte er sämtliche Vorgänge. In all den Jahrzehnten fehlt in seinen Unter­lagen kein Lieferschein, keine Quittung und schon gar keine Gesprächsnotiz. Über die Jahre reich an Erfahrung, ent­wickelte er ein ausgeklügeltes System der Organisation, das den Gesetzen der Logik und Praktikabilität folgte, für Au­ßenstehende jedoch schwer zu durch­schauen war. Seit seiner Rente hatte er noch mehr Zeit, sich seiner Leiden­schaft zu widmen. Es entstand die um­fangreiche Chronik des Stadtverbands. Diese Ordner sind das wichtigste Doku­ment der jüngeren Abensberger Veranstaltungs- und Vereinsgeschichte. Die größten Veranstaltungen tragen alle immer noch in weiten Teilen sei­ne Handschrift: Mit dem „Babo Helau“ führte er gleich noch den Faschingsgillamoos als stationäre Freiluftfeier ein, setzte gemeinsam mit dem Werbekreis Impulse um den Niklasmarkt neu zu etablieren, führte die Babonenspende wieder ein, gestaltete, koordinierte Ver­eine und prägte dadurch auch das Bür­gerfest und natürlich den Gillamoos. Der Leidl Hans war für viele Abensberger einfach immer schon da, sein Name ist untrennbar mit seinen Vereinen und den Veranstaltungen verbunden. Als er im Rahmen der Jubiläums-Gillamoos Pressekonferenz die Ausführung des Bürgermeisters über den Gillamoos im Jahre 1313 korrigierte, entgegnete die­ser: „Ja stimmt, Hans, hast recht. Aber i war a im Gegensatz zu dir damals ned dabei.“

Und er war ein Mann der Zahlen. Es verging keine Gillamoosbesprechung im großen Kreis und keine Pressekon­ferenz ohne Leidls eigens vorbereitete und umfangreichen statistischen Auf­schlüsse. Mit viel Esprit trug er jedes Mal aktuelle Statistiken vor und sorgte damit für Erheiterung unter den Anwe­senden. So berichtete er beispielsweise einmal: „1971 kamen 98 % der Vereins­mannschaften beim Holzschneiden aus Omschberg, im Jahr 2011 waren es nur noch 8 %.“ Dem folgte eine detailver­liebte Ausführung, woher genau pro­zentual wie viele Mannschaften kamen. Gerade in vielen kleineren Dörfern ist es halt so, dass sich die Schützen nicht von der örtlichen Feuerwehr abziehen lassen und melden gerade dann viele Teams. Schließlich kam er zur Conclusio: „Die meisten teilnehmenden Mannschaften kommen also heute aus einem Umkreis von mehr als 20 Kilo­meter Entfernung. Was sagt uns des?“ Er blickte mit dramatisierender Pause in absolut ratlose Gesichter des Audi­toriums: „Dass de Omschberger aller­weil fauler werdn!“ Er lachte über seine Pointen zwar zunehmend verraucht aber einfach immer gern und vereinte die Lacher damit auf seiner Seite.

Bei Fragen Telefonnummer 1290, die Auskunft speziell für den Gillamoos, immer besetzt und allzeit kompetent, die Lösung bei fast allen Fragen rund um den Jahrmarkt. Jetzt werden wir ohne Mister Gillamoos auskommen müssen. Einer der ganz großen Macher und Menschenfreunde ist abgetreten. An Leuten und Persönlichkeiten mit so viel Herzblut und Engagement für das Ehrenamt mangelt es heute in der Ge­sellschaft, in Abensberg und überall. Schade, dass er diese Seiten nicht mehr lesen kann, aber extra für ihn kom­men hier von uns aktuelle Statistiken, also quasi Updates seiner Statistiken. Nicht mal die hätten wir ohne seine dokumentarische Obsession erstellen können. Wir hoffen ja inständig, dass sich jemand vom Stadtverband dann zukünftig darum annimmt und Leidls Chronik fortführt und damit auch seine Statistiken beziehungsweise alles das, was der Leidl Hans eigentlich im Kopf hatte und auf vielen DinA4 Zetteln festgehalten hat, in Excel erfasst Wie soll das sonst mit den Ehrungen vom Holzsageln weitergehen?! Und natür­lich auch mit den Statistiken allgemein ... Jede Tradition braucht einfach einen, der sie pflegt, anders funktioniert das nicht. Jedenfalls haben es wir jetzt ein­mal selber probiert, mit den Statistiken. Vielleicht hätte er seine Freude daran gehabt. A bisserl naufgschossen hätte er uns bestimmt.

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