Blide, Drache und Ameisenburg

Blide, Drache und Ameisenburg

Blide, Drache und Ameisenburg

Ein Abensberger Ferien-Vormittag im Mittelalter.


Es ist ein Donnerstagmorgen im August; am Eingang zum Schloßgarten melden Eltern morgens ihre Kinder bei Ines Geltl an; sie ist mit Museumsleiterin Veronika Leikauf da und kümmert sich um die Kleinen. Unten im Burggraben steht Stefan Haustein; neben dem Abensberger steht eine Blide, eine mehrere Meter große Schleuder, die im Mittelalter bis ins 14. Jahrhundert als Belagerungsgerät präziser schoss als zum Beispiel Katapulte. Eine kleine Version des martialischen Geräts wurde von Haustein, gelernter Schreiner, 2019 gebaut, nachdem ihm das Stadtmuseum Abensberg entsprechende Vorlagen geliefert hatte.
 
Haustein gehört zum, wie er selbst sagt, „harten Kern“ des Vereins „Babonis Abenspergensis“ und aktiv auf den Festen der Region, natürlich auch beim Abensberger Bürgerfest. „In den 90ern haben wir uns für Mittelalter-Themen interessiert. Bei der 650 Jahr-Feier der Stadt waren wir dann dabei, aber noch nicht als Verein.“ Ende 2003 sei dann aus der „Schnapsidee“ der Verein entstanden. Die Blide  -  auch Tribok oder Trebuchet – hat es ihm angetan: „Die Blide ist kein Katapult, sondern ein Gravitationsgeschütz.“ Aha? „Eine Blide hat einen Gewichtskasten an der kurzen Seite des Hebelarms.“ Die Kinder – das Angebot heute ist für Sechs- bis Zwölfjährige – hören gut zu, es ist ja noch früh und die Sonne scheint auch kräftig.

Viele kleine Helfer und ein Wurm als Drache
Richtig Bewegung kommt in die Kindertruppe, als Haustein nach einigen Erklärungen Hilfe braucht – die Blide wird auseinandergebaut, die beweglichen Teile eingefettet. Den Buben gefällt das, die Mädchen entdecken die Faszination eines kleinen Erdhaufens und errichten ganz nach dem Mittelalter-Motto des heutigen Ferienangebotes eine Ameisenburg. Es gibt ein Bett für die Königin. Ein Wurm wird entdeckt und vorsichtig in den Burggraben gelegt: „Das ist unser Drache“, sagt eines der Mädchen.
 
Gleich wird geschossen - wie im „Herr der Ringe“
„Die Blide ist scharf“, stellt Haustein fest und – schwupps – sind alle wieder um das Gerät versammelt. Die stärkeren Kinder haben Haustein geholfen, Gewichtsplatten in den Kasten zu legen, gleich kann es losgehen. Am Ende der längeren Seite des Hebelarms ist eine Schlinge angebracht, in der die Wurfgeschosse untergebracht werden. In diesem Fall sind es kleine, fest verpackte Sandsäcke. Ein Hauch „Herr der Ringe“ weht durch den Burggraben. Die Kinder müssen Abstand nehmen, da die Schlinge nach Freigabe des Geschosses unkontrollierte Kreise um die Blide zieht. „Das darf keinen treffen“, so Haustein. „Das Geschoss selbst kann bis zu 75 Meter weit fliegen, heute werden wir etwa 25 Meter weit kommen.“ Früher hat der Blidenmeister nach Schussbeobachtung Korrekturen vorgenommen, dazu gab es einen, der abzieht und zwei Personen, die fürs Nachladen zuständig waren.

Schiesspulver verdrängte die Blide
„Neben der reinen Durchschlagskraft waren sie aufgerichtet so groß, dass der Gegner eingeschüchtert wurde.“ Seine ist aus Fichte, im eigenen Garten erstellt und im Bauhof der Stadt Abensberg, wo ihm bei der Erstellung der Eisenteile geholfen wurde. Abensbergs Blide ist, so Haustein, „ein funktionsfähiges Modell, aber nicht originalgetreu.“ Bliden kamen aus der Mode, als Kanonen auf dem Vormarsch waren, also ab dem 14. Jahrhundert.
 
Der Drachenwurm ist weg
Die Kinder zählen runter „Zehn, neun …“. Und ab dafür, der Hebel schnellt hoch und nach vorne, der Sandsack pfeift durch den Burggraben und schießt übers Ziel, zwei große Kartons, hinaus. Die Kinder rennen los und holen das Wurfgeschoss. Aber auch die Ameisenburg wird wieder interessant. „Wo ist unser Drache?“, fragt ein Kind. Der Wurm hat sich, während alle an der Blide waren, aus dem Staub gemacht. Kein Wunder: „Bliden haben Angst erzeugt“, sagt Haustein. Nicht jedem: „Nochmal, nochmal“, rufen die Kinder. Und zwar nicht nur einmal – bis das Mittagessen kommt, muss Haustein seine Blide scharf machen und abfeuern.  
 
Das Ferienangebot der Stadt Abensberg: auf www.vhs-abensberg.de

 



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Veröffentlicht von Ingo Knott , 24.08.2020
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